1. Vom Belohnen, Bestrafen und der Gassirunde

Ihr kennt das ja sicher auch. Ein wunderschöner Sonntagnachmittag. Ihr seid draußen in der Natur. Vogelgezwitscher. Die ersten zaghaften Sonnenstrahlen scheinen euch in´s Gesicht und wärmen eure Haut. Ihr müsst hin und wieder die Augen zusammenkneifen, denn vereinzelt werdet ihr geblendet. Der steinige Boden unter euch fühlt sich etwas hart an. Links neben euch huscht etwas vorbei. Jetzt rechts! Da war es schon wieder. Ein Hecheln ist zu vernehmen und ihr blickt euch um. Da seht ihr wie euer imaginärer Wuffi „Nero“ von einer Seite auf die andere wetzt. Er hat sichtlich Spaß. Aufgeregt wird der Kopf gesenkt um zu schnüffeln. Seine Blicke streifen eure. Ein verschmitztes aus den Augenwinkeln beobachten. Ihr geht weiter. Fido schaut auf, sucht den Kontakt zu euch, um gleich darauf wieder vorbei zu preschen. Wahrlich ein schöner Moment.  Dann trefft ihr auf eine Weggabelung. Links oder Rechts? Links geht es zum Tiergehege. Rechts den öden Weg ohne Action, also entscheidet ihr Euch für den Weg zum Gehege. Da Ihr souveräne, umsichtige und verantwortungsvolle Hundehalter seid, wollt ihr Nero anleinen.


Oh, entschuldigt, ich muss kurz unterbrechen. In Deutschland ist es wie mit allem – jedes Bundesland darf anders regeln und regelt anders, wenn es um das Thema Leinenpflicht geht. Wo besteht in welchem Bundesland Leinenpflicht? Zum besseren Überblick könnt Ihr gerne einen Blick in die Übersicht werfen.

Bundesland

Generell

Wald

Baden-Württemberg

 

 

kein genereller Leinenzwang, außer auf  Kinderspielplätzen, Spiel- und Liegewiesen sowie auf Wassertretanlagen.

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Bayern

 

Kein genereller Leinenzwang ACHTUNG es existieren jedoch vielerorts Sonderregelungen

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Berlin

Leinenzwang mit verschiedenen Auflagen – explizit Informieren

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Brandenburg

Leinenzwang mit diversen ausführlichen Zusatzregelungen

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Bremen

  • Kein genereller Leinenzwang, es existieren jedoch Ausnahmen, diese betreffen
  • Läufige Hündinnen.
  • Öffentliche Verkehrsmittel, öffentliche Einrichtungen
  • Veranstaltungen mit Menschenansammlungen.

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Hamburg

Leinenzwang

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Hessen

Leinenzwang

Kein genereller Leinenzwang ABER ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Mecklenburg-Vorpommern

 

Kein genereller Leinenzwang, aber es gibt Ausnahmeregelungen

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Niedersachsen

Viele verschiedene Regelungen – Leinenzwang (und ihr seid sicher 😉 )

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Nordrhein-Westfalen

 

Leinenzwang

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Rheinland-Pfalz

 

Kein Leinenzwang

Kein Leinenzwang

Saarland

 

Leinenzwang

Leinenzwang aber der Jäger darf nicht von sich aus schießen

Sachsen

 

Kein genereller Leinenzwang es existieren jedoch einzelne Sonderregelungen

Leinenzwang

Sachsen-Anhalt

 

Kein genereller Leinenzwang es existieren jedoch einzelne Sonderregelungen

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Schleswig-Holstein

 

Genereller Leinenzwang

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen

Thüringen

 

Kein genereller Leinenzwang es existieren jedoch einzelne Sonderregelungen

Leinenpflicht ACHTUNG! Der Jäger darf laut Jagdrecht auf einen freilaufenden Hund schießen



Aber zurück zu unserer konsequenten Entscheidung – das Tiergehege soll es werden. Nero bekommt widerwillig den Rückruf zustande und kommt sichtlich angespannt angetrabt. Gut zu sehen am gesenkten Kopf, den angelegten Ohren, dem geduckten Körper, die Rute ist ebenfalls gesenkt und die Pupillen? Na ja, die sind geweitet und verheißen auch nicht gerade Entspannung. Er lässt sich auch noch anleinen, aber dann passiert es. Nach dem kurzen Blick von Nero zur rechten Wegseite und eurer Bewegung nach links…. SCHNAPP! Packt er sich die Leine, die jetzt fest in seinem Fang sitzt, der im Oberkiefer mit 20 Zähnen und im Unterkiefer mit 22 Zähnen bewehrt ist. Nach einem energischem: „NEIN!! AUS“ eurerseits, setzen sich etwa 350 Gelenke, 600 Muskel und circa 320 Knochen in Bewegung. 70 Milliliter Blut pro Kg Körpergewicht fangen an zu pulsieren und je nachdem ob ihr den Krafttyp, Geschwindigkeitstyp oder eine Mischung aus beidem habt, wird das um die Leine Ringen jetzt äußerst nervig. Ihr nehmt die Leine, bringt die nötige Geduld auf und wartet auf den Moment, an dem Nero die Leine lockerlässt und irgendwann freigibt.

Jetzt kommen wir zu dem Punkt bei dem wir feststellen, dass jeder Vorteil, einen Nachteil mit sich bringt, aber auch in jedem Nachteil ein Vorteil zu finden ist. „Ja wo soll denn der Vorteil in dieser Situation liegen?“, höre ich Euch denken? Wir könnten den Vorteil in dieser negativen Situation darin finden, dass uns der Hund die Chance gibt, das „Aus – Signal“ oder „Abbruch – Signal“ zu trainieren. Was aber –zumindest für mich- von zentraler Bedeutung ist, ist die folgende Überlegung:

Betrafen wir ein Verhalten, dass wir nicht wollen – oder – belohnen wir ein unerwünschtes Verhalten, das unterlassen wird?

Wie ich finde ein wichtiges Thema und in dieser Fragestellung steckt sehr viel Inhalt. Wahrscheinlich mehr Inhalt als wir vermuten. Lasst mich versuchen, Euch mit in meine Gedankengänge zu nehmen.

Klamüsern wir zunächst einmal die einzelnen Komponenten heraus.

Was wahrscheinlich zuerst auffällt, sind die Begrifflichkeiten „BESTRAFEN“ und „BELOHNEN“. Komisch das uns so etwas zuerst auffällt oder in Erinnerung bleibt, denn schaut man genau hin, hält kurz inne und überlegt, so fällt auf, dass dies nur der Weg ist. Im Hundetraining reden wir von Verstärker. Von denen gibt es 4 Stück. Wenn ihr gern mehr über Verstärker, ihren Einsatz und ihrer Bedeutung wissen möchtet, lasst doch gerne einen Kommentar da 😉

Gehen wir aber weg von den Verstärkern, die nur als Mittel dienen und hin zum eigentlichen Kernpunkt.

Ein Verhalten, dass wir nicht wollen oder ein unerwünschtes Verhalten, das unterlassen wird.

Hinter dieser Aussage steckt bei mir die Überlegung; „Was möchten wir bzw. was bringt uns denn ZUKÜNFTIG weiter? Dass das Verhalten komplett unterlassen wird, oder das es auftaucht und wir darauf reagieren? Wie im Hundetraining gilt auch hier: Werft noch einmal einen Blick zurück oder geht einen Schritt zurück. Bei der oben genannten Frage, bestrafen wir also ein Verhalten, dass wir nicht wollen – das Verhalten ist also da und wir reagieren darauf. Das Kind ist also schon sprichwörtlich, in den Brunnen gefallen. Hilft uns diese Methode also zukünftig? Wohl eher weniger, denn wir reagieren, das Verhalten wird also wiederauftauchen.

Und die zweite Aussage war: Wir belohnen das Unterlassen eines unerwünschten Verhaltens. Dem Hund wird also eine Alternative aufgezeigt, eine Alternative, die sich für ihn mehr lohnt. Das wunderbare an Hunden ist die Einfachheit ihres Naturells. Sie möchten unangenehme Sachen vermeiden und angenehme erreichen. Und ein Verhalten verschwindet nicht oder lässt sich nach Belieben abstellen, nein. Es wird immer nur durch ein anderes Verhalten ersetzt. Was sich lohnt wird gezeigt, was nicht wird abgestellt.

Wir kommen hier zu dem Punkt vom Handeln. Meiner Meinung nach, gibt es 3 Optionen. Überlegen wir welche nachhaltig sind.

Die 3 Handlungsoptionen gestalten sich als „Proaktiv – Aktiv – Reaktiv“.

Bei vielen „Problemsituationen“ ist das Verhältnis verschoben. Oft reagieren wir nur, laufen hinterher, rufen, schreien, korrigieren von außen, manchmal sogar körperlich. Wir sind also „Reaktiv“. Wir handeln nach der Handlung. Das sind die Situationen in den wir uns manchmal Ohnmächtig fühlen, ein Gefühl von Kontrollverlust überkommt uns, die Gefühle steigen auf und wir werden immer reaktiver – so wie das andere Ende der Leine ebenfalls. Ärgerlich und der schöne Nachmittag ist hin. Zum verdeutlichen, an dieser Stelle "eine kleine Grafik."

Verhältnis Problemsituation -> Proaktiv - Aktiv - Reaktiv

Verhältnis kontrollierte Situation -> Proaktiv - Aktiv - Reaktiv

Dass ist also ein weiterer Vorteil den ich im Belohnen vom Unterlassen des Unerwünschten sehe.

Wird das Verhalten unterlassen, ist das „Proaktiv“ und "ich brauche gar nichts mehr machen", denn das unerwünschte Verhalten taucht ja nicht mehr auf.  Stattdessen wird ein Alternativverhalten gezeigt. Mit dem "Ich brauche dann gar nichts mehr machen", ist das natürlich auch so eine Sache für sich, versteht mich da nicht falsch, das soziale Miteinander ist immer Arbeit, Kommunikation und ein Geben und Nehmen. Jedenfalls um effektiv zu sein, müssen wir also das Verhältnis zwischen den 3 Handlungsoptionen verschieben, wie es dargestellt ist. 

Wie komme ich da hin? Indem ich vorher „aktiv“ werde, gezielt übe und noch wichtiger - kommuniziere. Möchtet ihr gern etwas zum Thema „Kommunikation“ wissen? Lasst mir auch gern hier wieder einen Kommentar da und wir schauen gemeinsam wo unser Weg hinführt… Gehen wir gemeinsam zum Tiergehege oder drehen wir wütend um?

Euch aber an dieser Stelle einen schönen Sonntagnachmittag, oder wann immer Ihr auch auf diesen Beitrag gestoßen seid….




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