5. Vom Stress, Frust und besonderen Erkenntnissen -- Teil 2
Hallo liebe Leser,
Verspürt Ihr auch gerade so ein drückendes Gefühl, aufgrund
einer immensen Hitze bei der nicht der kleinste Lufthauch weht? Ja, es ballert
gerade ganz schön herunter… Nero liegt in der Wiese und hechelt vor sich hin.
Im letzten Beitrag, sind wir ja auf das Thema Stress gekommen. Mich haben ja auch ein paar weiterführende Gedanken beschäftigt. Etwas weiträumigere 😉 Doch jetzt bin ich wieder ganz im „Hier und Jetzt“. Vor mir befindet sich noch immer diese schöne weite, offene Landschaft. Und wir befinden uns noch immer auf dem Weg zum Tiergehege.
„Wann kommen die denn endlich mal an?“, höre ich schon den Ein oder anderen in Gedanken sich fragen. Na ja Ihr wisst ja, auch die größte Reise beginnt mit dem ersten Schritt 😉 Und…. Zack!! Plötzlich passiert es… Nero stürmt los! Wie ein geölter Blitz setzen sich die 30 Kilogramm in Bewegung und er hetzt mit einem Sprint über die grüne, mit Klee bedeckte Koppel. Vor ihm ein Feldhase.
Der Entlebucher versucht angestrengt hinterher zu kommen, aber nach circa 20, 30 Meter dreht er auch schon wieder ab. Das passiert manchmal, aber ich weiß er lässt nach kurzer Distanz wieder ab und kehrt mit weit aufgerissenen Augen und Fang aus dem die Zunge seitlich wedelt, zu mir zurück. Der Gang wechselt dann vom Sprint ins Galopp, wechselt in den Trab und kurz bevor er mich erreicht, geht er in den Schritt über. Es ist keine wirkliche Hatz, mehr ein Verscheuchen, so zumindest mein Eindruck. Dem örtlichen Förster und Jäger wird dieses Schauspiel mit Sicherheit trotzdem nicht gefallen. Ich weiß gar nicht, wann wir Schonzeit für Feldhasen in Thüringen haben, aber ein kurzer Blick in´s Telefon bringt Aufklärung.
Glück gehabt, wir befinden uns außerhalb der Zeit. Wie schon erwähnt, passiert so etwas manchmal. Auch wenn ich die Sicherheit habe, dass er abdreht und sofort zurückkehrt, ist es doch jedes Mal ein kleiner Schreck der mir widerfährt. Man kann es nicht abstellen, so wie der Hund auch seine Verhaltensweise nicht abstellen kann. Man kann sicherlich an der berühmten Impulskontrolle arbeiten, aber zu hundert Prozent verhindern lässt es sich nicht.
Was ist die Impulskontrolle? Was sind die Verhaltensweisen des Hundes? Und was passiert in mir – und dem Hund, wenn wir in solche Situationen geraten?
Zuerst das recht einfache: Die Impulskontrolle. Unter der
Impulskontrolle versteht man, eine bewusste – und von uns zumeist gewünschte –
Kontrolle von Gefühlen und Emotionsregungen. Das Ziel ist natürlich klar: Der
Hund soll nach Möglichkeit nicht sofort dem ersten Impuls nachgeben, sondern
ein Alternativverhalten zeigen und das möglichst ohne direkt Frust aufzubauen
und den dann später an uns oder irgendwie anders abzulassen. Warum
Alternativverhalten? Weil ein Verhalten nie verschwindet, es wird immer nur
durch ein anderes ersetzt oder überlagert. Eine Alternative zum bisherigen
gezeigten Verhalten, ein Alternativverhalten also. Dass ist ein wichtiger Grundsatz,
den wir im Training und auch in der Erziehung immer berücksichtigen sollten. Neben
einigen anderen, aber die werden uns im Laufe der Zeit noch begegnen. Eine gute
Gelegenheit um noch kurz die beiden Begriffe „Erziehung“ und „Training“ für uns
zu klären. Wo liegt der Unterschied? Er ist recht simpel. Beim Training sprechen
wir von dem Erwerb von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten und die Erziehung
greift in unser Sozialleben ein. Alle Handlungen die unser soziales Miteinander
beeinflussen, könne unter der Erziehung verbucht werden. Hier geht es darum,
dass das Denken und Handeln im Gegenüber verändert wird und zwar Zugunsten des
Erziehers. Es geht also darum, unseren Hund die Welt zu zeigen und zu erklären.
Dazu sollte der Erzieher natürlich körperlich, geistig und auch seelisch geeignet
sein. Über diese Definitionen möchte ich mich hier aber nicht auslassen, ich
finde, dass ist eine sehr private Ansicht und jeder sieht das wahrscheinlich
auch völlig anders, abhängig von individuellen Erfahrungen, Kenntnissen und sonstigen
Erlebnissen. Hunde verhalten sich übrigens biologisch immer sinnvoll. Wir müssen
nur die Umstände betrachten unter denen es gezeigt wird. Da können wir auch gleich noch ein paar
wenige Worte zu den schon erwähnten Verhaltensweisen verlieren. Aber wirklich
nur ganz wenig Worte. Jedes biologische Wesen hat sein Ethogramm. Das wird
setzt sich zusammen aus ethos („Gewohnheit, Sitte, Brauch“) und gramma (Geschriebenes).
Definition Wikipedia:
Ein Ethogramm ist „eine möglichst genaue und detaillierte
Bestandsaufnahme aller bei der betreffenden Art vorkommenden Verhaltensweisen“
Wir können also auch sagen, es handelt sich um einen
Verhaltenskatalog. Diese Verhaltenskataloge sind wichtig für eine weitere
Beobachtung von Verhaltensweisen, sie dienen zum Abgleich und der Einordnung
bestimmter Verhaltensweisen.
Die Verhaltensweisen werden in Funktionskreise zusammengefasst. Ich habe nachfolgend mal ein paar Grafiken eingefügt. Die sollen aber nur als Beispiel dienen und das ganze etwas übersichtlicher machen, wir wollen ja hier den Faden nicht verlieren. Wenn Ihr mehr zum Ethogramm erfahren wollt, könnt Ihr ja mal einen Kommentar dalassen.
Wie bin ich jetzt eigentlich
von Training und Erziehung zum Ethogramm gekommen – weil ich hier eine
Behauptung einstreuen möchte und vielleicht liest ja der ein oder andere
Trainer mit und kann mir darauf antworten. Ich behaupte das alles was mit dem
Training zu tun hat, außerhalb des Ethogramms des Hundes liegt und alles was
die Erziehung betrifft, direkt auf dem Verhaltenskatalog aufbaut.
Ein weiterer wichtiger Begriff der weiter oben gefallen ist, ist übrigens „Frust“. Dass ist der innere Kampf zwischen „Wollen“ und „Nichtkönnen“. Das ist ebenfalls etwas, dass uns Menschen bestimmt sehr vertraut ist 😉 Diesen Kampf auszuhalten kann man Lernen. Wir reden dann von der Frustrationstoleranz. Es gibt ein paar Übungen dazu, aber wir wollen uns jetzt nicht ganz verlieren. Zum Lernen kommen wir in späteren Beiträgen.
Man sieht jedenfalls also, wo die Gemeinsamkeiten zwischen
uns und unseren Vierbeiner liegen. Wollen und Können. Wollen und Nichtkönnen.
Aber das sind natürlich nicht nur die einzigen Gemeinsamkeiten. Eine weitere
Übereinstimmung liegt in den Vorgängen in beiden Arten, wenn wir in stressigen
Situationen geraten. Ich hatte ja oben von dem „kleinen Schreck“ geschrieben,
den ich jedes Mal bekomme, wenn Nero losstürmt. Nehmt kurz einen Schluck, falls
ihr ein Getränk neben euch stehen habt, oder wendet mal kurz euren Blick ab, um
eure Augen etwas zu entlasten und dann steigen wir in das Thema ein. Und ja ich
weiß, heute ist der Beitrag etwas trockener. Ich muss auch definitiv noch
einmal Daraufhinweisen, dass wir hier zu allen Themen nur die Oberfläche
ankratzen. Zu allem lässt sich weitaus mehr erzählen, schreiben und sinnieren,
aber wer weiß – Vielleicht sehen wir uns in ferner Zukunft ja mal zu einer
Stunde 😉
Da uns das aber noch nicht vergönnt ist, nutzen wir also erst
einmal diesen Weg.
Ich habe also einen Schreck bekommen, auch Nero hat sofort
einen Impuls bekommen, als der olle Feldhase aus dem Busch gestürmt kam.
Was ist passiert?
Der hechelnde, liegende Hund hat einen Reiz bekommen. Oder
halt- wahrscheinlich waren es mehrere Reize, wir können auch von Stressoren
reden. Diese waren folgender Natur: Optisch – die schnelle Bewegung des Hasen.
Akustisch – das knacken der Äste, das Rascheln der Wiese, das Klopfen der
Pfoten auf den Boden und das schnelle Atmen beim Sprinten. Und natürlich der olfaktorische
Reiz – der Geruch. Mit Sicherheit die vielen verschiedenen Gerüche, die der
kleine Kerl mit den langen Ohren aussendet. Diese Stressoren, oder Reize treffen auf den Hund.
Diese Reize werden jetzt im Gehirn verarbeitet. Oder genauer gesagt in bestimmten und mehreren Bereichen des Gehirns. Von Wichtigkeit sind hier für uns folgende (natürliche sind alle Bereiche wichtig, aber die folgenden interessieren uns besonders im Zusammenhang „Stress“):
Amygdala = Der Mandelkernkomplex bildet das Zentrum
für die Entstehung von Gefühlen. Er ist dafür zuständig,
Wahrnehmungen wie Gerüche emotional zu bewerten und daraufhin eine
Reaktion auszulösen. Dazu kontrolliert der Kernkomplex Reflexe und Körperfunktionen wie
die Atmung oder den Kreislauf. Außerdem speichert der Mandelkern im Gehirn
die mit Emotionen verknüpften Ereignisse ab. Da die Amygdala vor allem die
Emotion Angst steuert, kannst du sie auch als dass Angstzentrum des
Gehirns bezeichnen. In einer Gefahrensituation sorgt sie dafür, dass
vermehrt Neurotransmitter (Botenstoffe), wie etwa Acetylcholin oder
Dopamin, sowie Stresshormone wie Adrenalin ausgeschüttet werden.
Hypothalamus = Der Hypothalamus kontrolliert
den Hormonhaushalt. Damit stellt er sozusagen die Verbindung zwischen Hormon-
und Nervensystem dar. Er steuert wichtige Funktionen, wie Schlaf-Wach-Rhythmus,
Körpertemperatur und Sexualverhalten. Der Hypothalamus ist verbunden
mit der Hypophyse.
Hippocampus = Der Hippocampus ist eine paarige
Hirnstruktur, die zum limbischen System gehört. Sie ist vor allem an der
Gedächtnisbildung beteiligt. Hier werden wahrscheinlich Informationen aus
dem Kurzzeitgedächtnis (primäres Gedächtnis) in das Langzeitgedächtnis
übertragen.
Der Reiz trifft auf den Hund und es kommt eventuell zu einer Stressreaktion.
Hier unterscheiden wir nach Geschwindigkeit 2 bzw. 3 Stück.
Bei der ersten Reaktion, spricht man von der schnellen,
unbewusst, lebensrettenden Reaktion. Man könnte auch von der intuitiven oder instinktiven
Reaktion sprechen. Wobei ich mir hier auch gern wieder eine Rückmeldung
wünschen würde, von Verhaltensbiologen, die mir die letzte Aussage vielleicht
bestätigen könnten bezüglich den Begriffen „intuitiv“ und „instinktiv“.
Jedenfalls passieren diese Abläufe sofort und der Organismus kann sich diesen
nicht erwehren. Man kennt es ja selbst, man ist gerade in Gedanken versunken
und jemand packt einem von hinten auf die Schultern und schon zuckt man
zusammen. Oder ein Knall zu Silvester.
Das Nebennierenmark schüttet jedenfalls Hormone aus, die
sich auf das vegetative, also das unwillkürliche Nervensystem auswirkt. Es
kommt zu körperlichen Reaktionen. Der Atem beschleunigt sich, der Herzschlag
erhöht sich und so weiter. Ich füge auch hier mal eine kleine Grafik ein.
In der zweiten Reaktion, reden wir von der langsamen Reaktion, wobei „langsam“ hier natürlich auch relativ ist. Langsam definiert sich hier eher dadurch, dass die Hormone „erst“ über den Blutkreislauf in den Körper verteilt werden und dann dort ihre jeweilige Arbeit verrichten. Wichtig zu erwähnen ist hier der Fakt, dass die freigesetzten Hormone auch länger im Kreislauf verweilen. Hier passieren also die Langzeitfolgen und die Verhaltensweisen, die wir schon im ersten Teil des Beitrags erwähnt haben.
In der dritten Reaktion oder bei der dritten Welle sind dann
schließlich die Sexualorgane beteiligt. Siehe auch hier die kleine Grafik.
Bei allen Reaktionen sind eine Vielzahl von Botenstoffen und
Neurotransmittern beteiligt. In der Grafik habe ich die für uns wichtigsten
einmal aufgelistet. Näheres darüber dann in einem separaten Beitrag.
Wurden diese Stressreaktionen ausgelöst, erfolgt eine Analyse der verfügbaren Ressourcen, um mit der jeweiligen Stressauslösenden Situation umgehen zu können. Gibt es ausreichend Ressourcen, kommt es nicht zum Stress und die Situation wird souverän gelöst. Stehen dem Hund nur mangelhafte Ressourcen zur Verfügung, geht der Organismus in den Stressmodus und wir gehen zur „problemorientierten“ oder zur „emotionsorientierten“ Stressbewältigung über. Aber davon soll heute nicht die Rede sein. Nero ist inzwischen wieder bei mir angekommen und lässt sich wie ein nasser Sack plumpsen. Die Augen zusammengekniffen und die Zunge ist so weit wie möglich ausgefahren um möglichst viel Speichel verdunsten zu können, um sich so seine dringend nötige Kühlung verschaffen zu können.
Wo lag noch gleich der kritische Punkt in der Körpertemperatur beim Hund? Na, wie weiß es noch? 😉 Hier könnt ihr noch einmal nachlesen -> KLICK MICH
Euch bis dahin eine hoffentlich kühlere Zeit 😊




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