8. Beobachten will gelernt sein... Teil 2

 

Hallo liebe Leser…

… nach einer längeren Pause, in einer stark frequentierten und in Anspruch genommenen Zeit, folgt hier endlich der zweite Teil vom Beitrag für das richtige Beobachten. Auch ich muss noch einmal zurückblicken und mich tatsächlich belesen, damit wir hier nicht unnötigen Wiederholungen ausgesetzt werden 😉

Im letzten Beitrag hatten wir eine kleine Meditationsübung eingebaut, mich würde interessieren, ob jemand von euch sich tatsächlich daran versucht hat?! Vielleicht lässt es der ein oder andere mal in den Kommentaren da. Auf jeden Fall kann man an dieser Übung noch toll weiterarbeiten. Ich setze jetzt voraus, dass Ihr den Artikel gelesen habt und knüpfe mal direkt daran an. Denn hat man es geschafft nach viiiiiiiieeeeelen Übungseinheiten langsam seine Gedanken zufassen und ist „in dem Zustand des Sees“ angekommen, geht es hier nahtlos weiter. Oder besser gesagt, es kann hier weitergehen. Denn ab hier heißt es in diesem Zustand zu verbleiben.



Auch hier gibt es wieder eine schöne Metapher, denn stellt euch vor ihr sitzt an einem ruhigen See. Es ist vielleicht ein warmer Sommertag. Es ist fast komplett ruhig, nur das leise Wehen des Windes ist zu hören, der die warme Sommerluft an euch heranträgt und um eure Haut weht. Ihr spürt eine sanfte Brise und könnt das Gras leicht schwanken sehen, dass sich am Ufer von diesem See befindet. Und trotz der Tatsache, dass sich dieses Gras leicht bewegt, so ist die Oberfläche von diesem See doch vollkommen unberührt und verharrt ganz still. So unbeweglich, dass Ihr euer Spiegelbild darauf erkennen könnt. Es ist klar, ruhig, unbewegt und vor allem unverzerrt. Ein kurzer Blick in den Himmel und ihr müsst eure Augen etwas zusammenkneifen, denn die Sonne ist heute am blauen, klaren Himmel sehr kräftig. Der Duft von der erwärmten Umgebung der Natur steigt euch in die Nase und ihr fürchtet euch jetzt schon, vor der kalten grauen Jahreszeit die folgen wird. Aber jetzt ist es nicht soweit. Jetzt ist sie nicht da und ihr spürt die Kraft der Sonne. Und dann passiert es. Ein Gedanke. Ihr nehmt einen Stein und werft ihn in den See. Was passiert? Was passiert mit eurem Spiegelbild? Richtig, in dem Moment, in dem der Stein auf das Wasser trifft, wird das klare Bild zerbrochen und eine längere Zeit danach bleibt es verzerrt und zwar so lange, bis sich die Oberfläche wieder beruhigt. 


Was kann man aus dieser Metapher entnehmen?

Naja so grob im Allgemeinen für das Leben, könnte der Stein natürlich für das „Wollen“ an sich stehen. Und die Oberfläche für unser Leben. Wir wollen etwas und das bringt die Unruhe in das sonst ruhige, klare Leben. Und meist ist es so, dass wir es nicht schaffen ruhig zu bleiben und handeln stattdessen unvernünftig. So als würden wir noch einen Stein in den See werfen… Und noch einen.. Und darauf einen weiteren. Und dann fängt das große Beschweren an. Anstatt Ruhe in die Angelegenheit und Sache zu bringen, bringen wir weiter Bewegung hinein. Mit Gewalt. Mit Wollen. Würden wir es schaffen, uns in der ein oder anderen Situation mal zurückzunehmen, könnten wir vielleicht die Dinge sich beruhigen lassen und so wieder Klarheit bekommen, denn irgendwann beruhigt sich die Oberfläche auch wieder und das klare unverzerrte Bild kommt zurück. Wie aber hilft uns das in Bezug auf unsere Hunde und im Training? Auch hier gibt es ganz klar 2 Aspekte. Der eine ist natürlich die Ruhe an sich. Eine klare Sichtweise und damit Ruhe bringt Sicherheit, Sicherheit wird zu Vertrauen und das letztendlich zu Freiraum oder vielleicht auch ein Stück weit Freiheit, auch wenn ich mir natürlich durchaus der Tatsache bewusst bin, dass jeder Freiheit für sich anders definiert und auslegt. Aber in Ruhe liegt ja bekanntlich die Kraft. Aber – und dass ist für uns im Training und im Umgang mit Hunden noch viel wichtiger - ist natürlich der Aspekt, der Beobachtung an sich. Ihr erinnert euch an die 3 Formen beim Beobachten? Es waren die „Beobachtung“, das Interpretieren und das Werten oder Be-werten.

Ich zitiere mich hier kurz selbst:

„Wir müssen unterscheiden zwischen dem „Bewerten“, dem „Interpretieren“ und dem „Beobachten“. Wenn wir in die Beobachterrolle gehen, dann schließen wir die Interpretation und vor allem die Bewertung aus. Worin aber liegt der Unterschied?

Nun bei der Bewertung, geben wir, wie es der Name schon vermuten lässt, eine Bewertung zu einem Geschehnis oder zu einem Fakt ab. Ein Werturteil. Wir sind hier also sehr Subjektiv und Urteilen aus unseren eigenen Sichtweise heraus, meistens vermischt mit Gefühlen, Emotionen und natürlich all unseren Vorerfahrungen. Vorurteile sind hier natürlich vorprogrammiert. „Der macht das, um mich zu ärgern…“, ist zum Beispiel so ein typischer Vertretersatz, den wir alle schon mal gesagt haben. Die einen meinen das wirklich so und die anderen haben das vielleicht nur mit einem Augenzwinkern festgestellt.

Danach kommt die Interpretation. Hier neigen wir dazu, ein Verhalten oder eine Situation zu erklären. „Der macht das weil…“; „Die will damit erreichen, das…“; „Der fühlt sich so und so und deswegen…“. Diese Interpretation können wir uns erlauben, wenn wir über eine gewisse Sachkunde verfügen und wenn wir vor allem die Beobachtung vorangestellt haben.

Was uns zur Beobachtung führt. Wir schauen also: „Wie verhält sich der Hund?“. Welche Körpermerkmale fallen uns auf? Wo schaut er hin? Wohin ist das Körperzentrum verlagert? Wo liegt sein Schwerpunkt? Was machen die Ohren? Die Augen? Lefzen? Fang? Und so weiter. Wie läuft er? Wie fallen die Bewegungen aus? All das kann man beobachten. Völlig wertfrei und völlig neutral. Danach gleichen wir das Ganze mit unserem jeweiligen Wissensstand ab. Was daraus wird, lassen wir hier mal offen 😉 Es gibt übrigens auch eine Reihe von Beobachtungsfehlern, die uns unterlaufen können.“

Hier möchte ich also wieder ansetzen. De Steine die wir werfen können auch Vorurteile sein. Die verzerren. Sie können bereits gemachte Erfahrungen sein – die verzerren. Es können vorgefertigte Meinungen jeder Art sein –die verzerren. Wenn wir sie also nicht mehr werfen, so beruhigt sich der See und unsere Sicht wird wieder klar.

Um mal wegzukommen von dem ganzen Stammtisch-philosophieren, geben wir uns doch mal ein paar Beispiele. Ihr werdet merken, dass viele Dinge in einander übergehen oder sich ergänzen, umso mehr heißt es auf der Hut sein. Ich habe mir dazu dieses mal etwas einfallen lassen, etwas zum zuhause, oder wo ihr auch immer euch gerade aufhaltet, zum Ausprobieren. Ihr braucht dazu am besten einen Stift, ein Blatt Papier und 15 Minuten Zeit, vielleicht schafft Ihr es aber auch in einem kürzeren Zeitraum, oder Ihr lasst euch auch etwas Zeit, dass ist Euch frei überlassen. Wer es nicht probieren möchte, der kann auch ganz einfach die Beispiele überspringen und direkt zu den Erklärungen springen, aber der „Aha-Effekt“ bleibt einem dann verwehrt – zumindest meiner Meinung nach. Danach gibt es noch etwas trockeneres Material als Lehrstoff, aber es passt ganz gut zum Thema „Beobachten“ und ist dennoch sehr informativ.

Für alle Mit-mach-Begierigen gibt es folgende Aufgabenstellung: 

Lest euch bitte die nachfolgenden Beispiele durch und notiert eure Gedanken dazu. Vorrausetzung wäre hier, dass ihr eigentlich gar nicht viel herumüberlegt, sondern euch wirklich auf eure so ziemlich ersten Gedanken verlasst und stützt. Aber natürlich dürft ihr auch ausgiebig nachgrübeln, ich mache Euch da keine Vorschriften. 

Wenn ihr mit diesen Beispielen fertig seid, dann könnt ihr zu den Effekten, die danach erklärt sind übergehen und überprüfen, welche „Beobachtungsfehler“ euch unterlaufen hätten sein können. Die Beobachtungsfehler habe ich hier in Klammern gesetzt, weil ihr natürlich keine Beobachtungen im freien Feld tätigen konntet, dennoch kommen einen aber unweigerlich Gedanken zu diesen Themen und die kann man mit den Effekten abgleichen. 

Auf Los geht’s los.

Los.

Der Hundeplatz. Euch wird erzählt, dass heute ein 21-jähriger Halter mit einem Dobermann zum Training kommt, weil der Hund leinenaggressiv ist und speziell ein Problem mit kleinen Hund hat. Der Halter wohnt im 11 Stock einer Plattenbausiedlung. Als er auftaucht hört ihr ihn bereits kommen, denn der Auspuff röhrt am tiefer gelegten VW Golf wie ein LKW.

 

photo: https://pixabay.com/de/users/yamabsm-1300729/

Hundeplatz Nummer 2. Eine Labrador Hündin mit Namen „Mia“ kommt auf dem Platz. Am anderen Ende der Leine befindet sich ein Mann, Anfang der 40er. Er hat eine Glatze, trägt eine schwarze Lederjacke und ist am kompletten Hals tätowiert. Die Labradorhündin wedelt freundlich mit der Rute und schnüffelt interessiert links und rechts auf der Wiese. Dann trifft sie auf einen Bolonka, der sofort vom Labrador attackiert wird. Der Mann trennt beide Hunde, separiert seine Hündin vom Rest und entschuldigt sich im freundlichen und aufrichtigen Ton mit einer hellen Stimmlage mehrfach.


photo: https://pixabay.com/de/users/alkemade-804941/

Hundeplatz Nummer 3 – Heute ist aber auch viel los 😉 Ihr kommt müde und unausgeschlafen vom gestrigen Abend, der sehr spät geworden ist auf den Platz. Ein neues Gastmitglied kommt ebenfalls auf den Platz, mit einem Hund, der von der selben Rasse abstammt wie euer Hund. Euch fällt auf, dass dieser Hund sehr unsicher ist und vor allem große Angst zu haben scheint. Das Gastmitglied geht auf einem abgetrennten Platz, danach erscheint ein Jagdterrier, der zitternd von einer Seite auf die andere springt. Er kläfft dabei alles an, was sich bewegt, die Nase geht in schnellen Zügen auf und ab.

Bedenkzeit…..

So genug der Beispiele, im nachfolgenden kommt die Definition zu möglichen Beobachtungsfehlern. Vergleicht sie mit euren Gedanken und seid gespannt auf das Ergebnis.

 


Mögliche Fehler bei einer Beobachtung, die zu Interpretationen oder Bewertungen führen können.

Biografieeffekt – Einfluss der eigenen Biografie

Ermüdung – Die Aufmerksamkeit nimmt ab, so dass mehr und mehr Sachen übersehen werden könnten.

Erwartungseffekt – Der Beobachter lässt sich von ungeprüften Hypothesen lenken. Halter hat seinen dritten Hund – Training wird ihm leichtfallen

Haloeffekt - einzelne positive oder negative Merkmale überstrahlen das Gesamtbild. Positive oder negative Eigenschaften könnten so eventuell besonders hervorgehoben werden.

Kontrasteffekt – Aufeinander folgende Beobachtungen beeinflussen sich gegenseitig negativ. Nach dem Training mit einem sehr ängstlichen Hund, wirkt ein aufgeregter Hund vielleicht stark überdreht, aber separat betrachtet würde dieser Effekt vielleicht nicht so stark erscheinen.

Logischer Fehler – Annahmen des Trainers führen zu falschen Zusammenhängen zwischen Eigenschaften. Labrador = freundlich; Glatze = unfreundlich.

Mildeeffekt – Neigung zu positiver Beobachtungsverschiebung. Ein Hund der Rasse die man besitzt, wird positiver beurteilt.

Primäreffekt – der berühmte erste Eindruck. Hier werden alle nachfolgenden Beobachtungen, Wahrnehmungen und Informationen so gewertet, dass sie den ersten Eindruck nachhaltig untermauern. Abweichende Eigenschafen werden nicht mehr gesehen.

Projektionseffekt – verleitet den Betrachter dazu, Sympathie aus Eigenschaften des Gegenübers abzuleiten, die er mit ihm gemeinsam hat. Hund und Hund tragen den gleichen Namen

Rezenzeffekt – Später eingehende Informationen haben einen größeren Einfluss auf die Erinnerungsleistung einer Person, als früher eingegangene.

Selbsterfüllende Prophezeiung – Fehlerhafte Beobachtung aufgrund bestimmter Erwartungen. Nicht Erwartetes wird dabei oft übersehen.

Strengeeffekt – negative Beobachtung bei negativen Vorerfahrungen.

Subjektivismus – Beobachtung wird durch die Persönlichkeit und die Vorurteile des Beobachters beeinflusst.

Typisierung – Durch Schubladendenken wird ein bestimmtes Verhalten erwartet.

Voreiligkeit – schnelle Deutung der Beobachtung verzerrt folgende Beobachtungen.

 

Und? Wie schaut es aus? Habt ihr etwas festgestellt? Eure Ergebnisse würden mich stark interessieren 😊 Ich hoffe diese kleine Übung hat euch etwas Spaß gemacht, denn wie angekündigt, gibt es jetzt noch etwas Theorie. Wir hatten ja schon im ersten Teil des Beitrags uns die Frage gestellt, was man alles beobachten kann. Klar, vom Verhalten über die Umgebung bis hin zu Rektionen der Lebewesen im Umfeld einfach alles. Ich möchte hier aber mal die Gelegenheit nutzen, um etwas kynologische Fachbegriffe zu erläutern, beziehungsweise darstellen zu können.

Die Kynologie (griechisch κύων kýōn, deutsch ‚Hund' und -logie) ist die Lehre von Rassen, Zucht, Pflege, Verhalten, Erziehung und Krankheiten der Haushunde. -Wikipedia

Folgende körperliche Merkmale können wir also beobachten (und natürlich noch viele weitere):

 


 

So viel zum heutigen Beitrag. Last die Eindrücke wirken und ich hoffe wir lesen uns wieder und dann nicht wieder so spät. 

Versprochen

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